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  • Thomas Bergmann

Kein Job ist so gut wie der nächste ... aber wie richtig bewerben?

Aktualisiert: 4. Dez 2018


Irgendwie bewirbt man sich sein ganzes Leben lang. In der Familie als guter Zögling, in der Schule für die nächsthöhere Stufe, im Studium für die Qualifikation, in der Partnerschaft um den Partner oder in der Arbeit für den nächsten besten Job. Das Wort «Bewerbung» beinhaltet bereits einen Ansatz von «Eigenwerbung». Aber was machen erfolgreiche Bewerbungen in einer digitalen Welt aus? Tipps aus der Praxis.

In meiner 30-jährigen Berufskarriere habe ich als Unternehmensberater und Führungskraft in diversen Industrien insgesamt 375 Mitarbeiter eingestellt ... und 125 ausgestellt. Also ein Verhältnis von 3:1. Für einen langjährigen Berater und Manager in Führungspositionen von börsenkotierten Unternehmen an sich eine gute Quote. Andersherum hätte es wohl Auswirkungen auf meine Reputation gehabt. Aber was will ich damit sagen? Ich denke, dass ich eine vernünftige Basis gewonnen habe, um beurteilen zu können, was für mich gute Bewerbungen ausmachen. Und damit meine ich nicht die klassischen Kriterien von HR wie Vollständigkeit der Unterlagen, tabellarischer und lückenloser Lebenslauf oder korrekte Angaben zur Person – die kennt jeder.


Was überzeugt Entscheider, also die Führungskräfte, die mit dem Bewerber anschliessend arbeiten dürfen oder müssen?


Ich habe für mich drei Hypothesen aufgestellt, die ich hier näher belegen möchte:

  1. Kreativität ist ein Einstellungskriterium oder: einfach mal anders machen

  2. Der Woller ist oft besser als der Könner - oder: besteche durch Persönlichkeit

  3. Ein gutes Netzwerk ist die halbe Miete oder: Vitamin B tut immer noch gut


1. Kreativität ist ein Einstellungskriterium - oder: einfach mal anders machen


Die meisten Firmen fordern heute Bewerbungen per E-Mail oder gar über Bewerbungsmanagement-Tools. Vorteile sind natürlich die Einsparung von Papier und Versandkosten, aber auch die Möglichkeit, in kurzer Zeit viele Bewerbungen verschicken zu können. Wenn ich sogar noch den Status verfolgen kann, ist das schon top.


Nachteil ist, dass vor allem bei E-Mail-Bewerbungen und Initiativ-Bewerbungen leicht Fehler passieren. Es ist nicht wirklich förderlich, wenn z.B. durch einen Copy-and-Paste-Fehler der falsche Firmenname im Anschreiben steht oder man ein eingescanntes Zeugnis nicht lesen kann. Denn viele Chefs kommen immer noch mit der ausgedruckten Bewerbung ins Gespräch.

«Man wird erst wahrgenommen, wenn man heraussticht.»

Klar ist, man wird erst wahrgenommen, wenn man heraussticht aus der Masse. Eine Online-Bewerbung also, die im Content und im Design am Bildschirm anders wirkt, wird eher wahrgenommen als ein 08/15-Dossier. Dabei ist es egal, ob sie wie ein Wikipedia-Eintrag aussieht oder eine Google-Suche oder mit Skalen bei den Kompetenzen und Skills arbeitet wie bei einem Assessment. Ausserdem hat ein zusätzliches Video über die eigene Position schon manchen Recruiter begeistert.


Und nun kommts: Wenn nicht ausdrücklich ausgeschlossen, kann eine papierne Bewerbungsmappe per Post mit handgeschriebenem Begleitschreiben bei bestimmten Arbeitgebern sogar mehr ins Auge stechen als die Online-Bewerbung. Manche empfehlen sogar, die Farbe der Mappe mit dem Logo der Firma abzustimmen ...


Ich selbst bin mit mehr Begeisterung in Bewerbungsgespräche gegangen, in denen die Unterlagen schon besonders waren – egal in welcher Hinsicht.


Tipps:

  • Schreibe auch Online-Bewerbungen jede individuell und neu.

  • Prüfe die Lesbarkeit der gescannten Unterlagen nach dem Ausdruck.

  • Besteche durch ansprechenden Content und kreatives Design.

  • Überrasche durch unerwartete Bewerbungsmethoden.


2. Der Woller ist oft besser als der Könner - oder: besteche durch Persönlichkeit


Nicht selten verkaufen sich Bewerber beim Bewerbungsprozess besser, als sie letztendlich sind. Natürlich versucht man, im Prozess die Skills zu verifizieren – aber auch mit Referenzen ist dies nicht durchgängig möglich. Wenn beispielsweise Projektmanager gesucht werden oder Online-Marketingspezialisten und von ihren Projekten und Erfolgen berichten, muss man diesen bis zu einem gewissen Grad Glauben schenken. Das mag der Vorteil für die «good talker» sein. Ich hatte nicht immer das Talent, dies in den Bewerbungsgesprächen herauszufinden, und traf darum auch Fehlentscheidungen. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass die «rhetorischen Blender» letzten Endes im Berufsalltag an ihre Grenzen stossen.

«Nicht mehr versprechen als man halten kann.»

Nicht wenige Male hatte ich Arbeitsverträge innerhalb der Probezeit auflösen müssen, weil mehr versprochen als gehalten wurde. Es müssen definitiv nicht alle Skills gemäss Job-Ausschreibung erfüllt werden, meistens handelt es sich um ein Best-Case-Szenario, also die «eierlegende Wollmilchsau». Man muss keine Geschichten erfinden, wenn für etwas die Erfahrung fehlt. Wenn man es schafft, zu überzeugen, dass man gewillt ist, gezielt Know-how aufzubauen, die Gaps schnell aufzufüllen und wirkliches Interesse und eine Leidenschaft im Thema hat, ist das ebenso viel wert wie jahrelange Erfahrung – zum Teil sogar mehr.


Wenn ich Mitarbeiter für digitale Bereiche gesucht hatte, waren mir die oft lieber, die «ohne Internet nicht leben können» als die, die seit 10 Jahren Social-Media-Experten waren. Die Woller waren meist interessierter, proaktiver und offener für Entwicklungen und neue Projekte. Denn Job-Anforderungen entwickeln sich, anders als in der Ausschreibung definiert, meist in der Praxis – das war selbst bei meinem letzten Job der Fall. Die Realität hat nicht zur schönen und wunderbar formulierten Ausschreibung gepasst.


Wann hast du zuletzt deine Job-Ausschreibung mit der aktuellen Aufgabenstellung abgeglichen und einen 100-prozentigen Match erreicht?

Tipps:

  • Zeige offen auf, wo deine Kompetenzen liegen und wo noch nicht.

  • Bringe nachvollziehbare und belegbare Beispiele deiner Erfahrungen, ohne zu beschönigen.

  • Überzeuge durch den Willen, dich stets weiterentwickeln und lernen zu wollen.

  • Sei offen für Veränderungen, da sich die Geschäftswelt und damit die Aufgabenstellung stets weiterentwickeln.


3. Ein gutes Netzwerk ist die halbe Miete - oder: Vitamin B tut immer noch gut


Hoch lebe Social Media! Nichts ist so einfach, wie ein grosses Netzwerk über Social Media aufzubauen. Community-Building in der Fachsprache. Nur sind Facebook-Freunde oder Follower auf LinkedIn nicht wirklich Förderer der eigenen Karriere. Man braucht die richtigen Beziehungen – hinter einer guten Karriere steht meist ein guter Mentor. Kennst du jemanden, der dich und deine Qualitäten kennt und für dich als Förderer wirken kann? Empfehlungs-Marketing heisst das auch im Fach-Jargon.


«Vitamin B ist aus meiner Sicht immer noch der Erfolgsfaktor Nr. 1.»

Wenn ich mit Vorständen gesprochen habe, die sich innerhalb des Unternehmens hochgearbeitet haben, haben mir viele bestätigt, dass ihre Karriere mit dem Einstieg bereits vorgegeben war. Sie hatten einen Förderer im Unternehmen, der sie immer mitgezogen hat. Natürlich klappt das nicht immer und ist auch keine Garantie. Aber jemand, der dich für einen Job vorschlägt und die handelnden Personen kennt, macht dir das Bewerben schon mal viel leichter.


Wie bekommt man einen Mentor? Natürlich gibt es «Götti- oder Mentoring-Modelle» in Unternehmen, aber wo es das nicht gibt, gilt es sich proaktiv mit den richtigen Personen gut zu stellen. Man weiss nie, ob der Kollege nicht bald der Chef ist oder der Chef bald in einer anderen Firma noch höher aufsteigt. Um es klar zu sagen: Das heisst nicht, immer nach dem Mund zu reden, sondern durch gute Leistung und Loyalität zu überzeugen.


Manchmal kann man Mentoren einfach dadurch gewinnen, dass man sie hierfür anspricht. Ich selbst werde oft von Firmen angesprochen, ob ich nicht jemanden kenne, der in dem oder diesem gut ist. Wenn ich jemanden kenne, den ich für kompetent und geeignet halte, schlage ich ihn vor – es hat schon das eine oder andere Mal geklappt. Selbst hatte ich nicht immer einen Mentor, aber wenn, war die Karriereleiter definitiv einfacher zu erklimmen.


Letztlich hilft ein gut gepflegtes Social-Media-Profil heutzutage zusätzlich. Für einen Job wurde ich von einem Headhunter über LinkedIn kontaktiert und wurde schliesslich «Head Digital" bei einer Schweizer Telco. Auch aus dieser persönlichen Erfahrung heraus denke ich, dass LinkedIn momentan eine der besten Recruiting-Plattformen für Job-Anbieter und Suchende ist. Bei vielen Firmen kann man sich inzwischen bereits mit dem LinkedIn-Profil bewerben.


Tipps:

  • Baue dir ein kleines, aber feines Netzwerk mit kompetenten Ansprechpartnern auf.

  • Suche dir wenn nötig proaktiv einen Mentor und überzeuge ihn von dir.

  • Halte es gut mit den Kollegen und deinem Chef (ohne zu «schleimen»).

  • Sorge für ein aussagekräftiges und gutes Profil in sozialen Medien (v.a. LinkedIn).


Die oben genannten Tipps sind subjektiv und sicher nicht für jede Führungskraft, jeden Kandidaten und jeden Job anwendbar. Es gibt auch nicht das eine Rezept für eine erfolgreiche Bewerbung, dazu ist der Prozess (Gott sei Dank) immer noch zu subjektiv. Vielleicht ändert sich das irgendwann, wenn Artificial Intelligence die Bewerbungsprozesse übernimmt.


Ich finde jedoch die subjektive Komponente, z.B. ob einem jemand vom Charakter her eher zusagt, immer noch wichtig – schliesslich arbeitet man viele Stunden pro Tag zusammen und will gemeinsam etwas erreichen, da sollte es auch zwischenmenschlich passen. Da helfen aus meiner Sicht auch Fragebögen, Assessments und Psycho-Tests durch Externe nicht wirklich weiter.


Ich wäre am liebsten mit den Bewerbern oft einfach nur auf ein Bier gegangen und hätte damit wohl mehr herausgefunden als über strukturierte Bewerbungsprozesse. Sonst kann man irgendwann Roboter einstellen. Und das Schönste am Bewerben ist, dass man es immer noch mit Menschen zu tun hat – auf beiden Seiten ;-)


Viel Erfolg für deine Karriere. Keep calm and let's get digital. Euer Thomas Bergmann

Und zur Inspiration ein kurzes Video für deine nächste Bewerbung (Movie: A Millenials Job Interview):



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