Suche
  • Joël Luc Cachelin

Der Siegeszug der Plattformen – Teil 5

Die Sicht der Gemeinschaft

Illustration: Karsten Petrat

Die Zukunft der Plattformwirtschaft ist eine Geschichte über die Zukunft der Wirtschaft und des technologischen Wandels. Aber nicht nur. Wollen wir deren Dynamik nutzen und deren Nebenwirkungen auffangen, tun wir gut daran, die Crowd-Ökonomie zu stärken und den Staat als Investor sozialer Innovation zu denken. Leader, Influencer und Gurus leisten ihren Beitrag, wenn sie die Angst vor der Zukunft reduzieren.


Auf der Suche nach sozialer Innovation

Die bisherigen Artikel in dieser Serie zur Plattformwirtschaft argumentierten aus der Sicht der involvierten Unternehmen. Der Fokus lag auf den Treibern und Akteuren, die als digitale Ritter den Kapitalismus verändern. Im letzten Beitrag wurde die Gegenwelt zur Wirtschaft der an Effizienz, Wachstum und Daten orientierten Plattformen thematisiert. Doch Wirtschaft findet immer in und mit einer Gemeinschaft statt. Will sich diese bei der Gestaltung ihrer Zukunft nicht völlig einer Marktlogik (und damit den ökonomischen Kräfteverhältnissen) unterwerfen, sind soziale Innovationen gefragt: Mutige Reformen, die das Zusammenleben und -arbeiten verbessern. Menschen sollen sich nicht einsam, traurig, unsichtbar, ausgestossen oder verbittert fühlen. Man könnte von einer Ökonomie des Glücks sprechen, in der sich alle Beteiligten statt an Geld und Profiten am Glück orientieren. Dazu passend hat die neuseeländische Premierministerin vor einigen Wochen ein Glücksbudget präsentiert. Staatliche Ausgaben müssen unter anderem die psychische Gesundheit verbessern und die negativen Emissionen der Wirtschaft verringern.

Wiederholung statt Skalierung

Die neuseeländliche Premierministerin hat erkannt, dass Märkte soziale Innovationen nur bedingt hervorbringen. Zu sehr sind sie an Effizienz, Kostensenkung, Margen und Skalierbarkeit interessiert. Soziale Innovation dagegen orientiert sich am Gemeinwohl. Statt Problemen, die man durch eine Plattform effizient und skalierbar lösen kann, stehen

gesellschaftliche Herausforderungen im Vordergrund, die sich in hoher Anzahl an verschiedenen Orten wiederholen. Diese Überlegungen führen zu globalen Megatrends. Neben der digitalen Transformation und seiner analogen Gegenbewegung fallen der demographische Wandel ins Gewicht, die biologische Revolution, das asiatische Zeitalter, die Urbanisierung und die ökologische Wende. In all diesen grossen Veränderungen entstehen für eine Gesellschaft Herausforderungen – zum Beispiel in Form von Einsamkeit, ausgehöhltem Datenschutz, Abfall, Energieabhängigkeiten, verstärkten politischen Trennlinien. Soziale Innovation heisst hier, nach Lösungen zu suchen, die der ganzen Gemeinschaft zu Gute kommen.


Der Staat als Investor

Als Gesellschaft können wir, um diese Probleme zu bewältigen, zunächst Anreize für ein anderes Verhalten von Bürgerinnen und Unternehmen setzen. Wichtige Hilfsmittel dieser Steuerung sind Gesetze und Steuern. Zum Beispiel können wir Abfall stärker besteuern. Mit einer Tobin-Tax würden wir den Aktienhandel in die Pflicht nehmen und das langfristige Investieren fördern. Umgekehrt sind die erhobenen Steuern Mittel, um gemeinsam in unsere Zukunft zu investieren – und beispielsweise den Service Public des digitalen Zeitalters stärken. Er umfasst Suchmaschinen mit transparenten Algorithmen, digitale Bildung für ältere Menschen, technische Lösung für das anonyme digitale Bezahlen und einen persönlichen Datentresor für das Speichern und Teilen unserer Daten. Um die Nebenwirkungen der Digitalisierung zu lindern, braucht es öffentliche Räume, die zufällige Begegnungen und die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen fördern, wie Klaviere in Bahnhöfen, öffentliche Theatervorstellungen, Ausstellungen und Parkanlagen. Genauso könnten wir in die Bewältigung anderer Megatrends investieren. Um gemeinsam die sozialen Innovationen zu gewichten, bräuchte es wohlmöglich eine soziale Kryptowährung, mit der wir als Bürger bestimmen können, in welche Projekte des Staates wir wieviel investieren wollen.


Die Crowd-Ökonomie

Gewiss, der Staat kann einen Teil dieser sozialen Innovationen antreiben und finanzieren. Aber das reicht nicht aus. Genauso wichtig scheint die Crowd-Ökonomie, in der wir uns mit Gleichgesinnten für unsere Visionen einsetzen. Dazu braucht es Plattformen, Banken und Fonds, die sich statt an Profiten an der Sinnhaftigkeit der Arbeit sowie der Wertschöpfung für die Gemeinschaft orientieren. Vielleicht sollten wir dazu weniger in festen Unternehmen als in Projekten denken. Zum Beispiel können wir beim Crowdfunding direkt in Aktivitäten investieren, die uns am Herzen liegen. Belohnt werden wir statt mit Geld, mit dem Zugang zu den Dingen, Dienstleistungen und Innovationen. Unternehmen können diese Bewegung verstärken, indem sie einen Teil ihrer Gewinne in solche Projekte und Fonds investieren. Den Gesetzen der Crowd-Ökonomie folgend, müssten sie ihre Kunden und Mitarbeitenden entscheiden lassen, welche soziale Innovationen sie fördern wollen. Ein Teil der Gewinne fliesst zurück in die Gesellschaft, wobei wir alle entscheiden, wie wir in unsere Zukunft investieren. Amazon Smile zeigt, wie und wo man dazu ansetzen könnte.


Lust auf Zukunft

Gegenwärtig scheint ein Zukunftsschock vielen die Lust im Wandel zu rauben. Steigt die Angst weiter an, werden Populismus und Technologieskepsis zunehmen. Für soziale Innovation ist beides nicht eben förderlich. Zum einen braucht es für staatsgetriebene Reformen Mehrheiten an der Urne. Zum anderen sind soziale Innovationen, zumindest teilweise, untrennbar mit neuen Technologien, zum Beispiel Newsbots, Datentresore oder neue Formen des anonymen Bezahlens verbunden. Um soziale Innovationen zu stärken, könnten Leader, Influencer und Gurus schliesslich versuchen, den grassierenden Ängsten, Chancen entgegen zu setzen. Eine ungewisse Zukunft kann man jedoch nur geniessen, wenn man etwas über die Gegenwart weiss. Das unterstreicht zuletzt die Bedeutung einer digital-ökonomischen Aufklärung. Je besser wir die Kräfte der Ritter und Plattformen verstehen, desto besser können wir sie gemeinsam in die gewünschte Richtung lenken.

322 Ansichten

HSO Wirtschafts- und Informatikschule

Bändliweg 20

8048 Zürich-Altstetten

+41 58 680 15 19
info@hso.digital

© 2018 HSO Wirtschaftsschule Schweiz AG